19. Dezember 2014

Weihnachtsgeschichte für einen Neonazi

„Mein“ erster Inhaftierter, den ich besuchte, war ein Neonazi, der bereits fünf Jahre wegen brutaler Überfälle auf Ausländerwohnheime einsaß. Was bin ich Gott heute noch dankbar, dass er zu mir Vertrauen aufbaute und es ein gutes Miteinander gab! Herr D. erleichterte mir den Einstieg in die Welt des Gefängnisses. Wir konnten Ausgänge miteinander planen und durchführen, nicht immer ohne Probleme.

Ich erinnere mich an einen Februartag, als wir in Dresden unterwegs waren und plötzlich von einer Gruppe „Linker“ umzingelt wurden. Vor Schreck habe ich laut gebetet und wir konnten wie durch ein Wunder dieser Situation heil entkommen. Herr D., der in einem Kinderheim aufwuchs, hätte mein Sohn sein können. Ich mochte ihn so wie er war.

 

Noch neun Minuten…

Eindrücklich ist mir ein Besuch bei ihm kurz nach Weihnachten. Die Besuchszeit ist fast vorüber, als ich mich gedrängt fühle, ihn zu fragen: „Kennen Sie eigentlich die Weihnachtsgeschichte?“ Er verneint. „Mit Gott habe ich nichts am Hut“, erklärt er mir. „Möchten Sie, dass ich sie Ihnen erzähle?“ frage ich weiter. Herr D. nickt.

Die große Wanduhr zeigt noch neun Minuten Sprechzeit. Mich packt die Aufregung. „Wo soll ich nur anfangen?“ überlege ich. Ich kann ja nicht bei dem Kind in der Krippe beginnen. Ich suche einen Anfang und hört mich sagen: “Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat, sieht die unendlich große Kluft, die zwischen den Menschen und ihm entstanden ist. Keiner, nicht einer, kann aus eigener Kraft diesen Abgrund von Schuld überwinden. Es gibt keinen Weg zu Gott.“

Mein Herz schlägt schneller. Es bleibt nicht mehr viel Zeit. „Gott möchte, dass alle Menschen, die er so sehr liebt, Zugang zu ihm bekommen. Der Abgrund muss überwunden werden. Es braucht eine Brücke. Brücken sind teuer, kosten viel Geld. Gott kostete es sein Liebstes, sein Teuerstes, seinen Sohn.“ Ich erzähle in Kurzfassung, wie das war mit dem Kind, bis hin zum Kreuz. Mit meinen Fingern male ich auf den Tisch die Kluft und die Brücke.

Als ich zu Herrn D. aufsehe, sitzt er still da und Tränen fließen über sein Gesicht. Die Botschaft scheint ihn mitten ins Herz getroffen zu haben.

Ich werde aus meinen Gedanken gerissen.  Geräuschvoll geht die Tür auf, die Besuchszeit ist zu Ende. Wir drücken uns beim Verabschieden fest die Hand. Ich weiß, Herr D. geht nicht allein in seinen Haftraum zurück. Gott ist bei ihm.

Ilona Barthel, Arbeitskreis Dresden

Foto: Rainer Sturm, www.pixelio.de

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