24. August 2023

Wie war deine Zeit in der Anlaufstelle, Holger?

Foto: Schwarzes Kreuz

Sechs Jahre war Holger Reiss als Sozialarbeiter und Diakon in unserer Celler Anlaufstelle „Projekt Brückenbau“ tätig. Zum Abschied fragten wir ihn nach Erfahrungen, Highlights und ob er schon einmal Angst hatte. Wussten Sie, dass selbst die Feuerwehr bei der Resozialisierung helfen kann?

Auch Chor und Feuerwehr können helfen

Was hat dich dazu motiviert, dich um straffällig gewordene Menschen zu kümmern?
Mir hat immer gefallen, dass es dabei um ganz handfeste Probleme geht: Wie fasse ich nach der Haftentlassung wieder Fuß, wie werde ich meine Schulden los etc. Wir arbeiten mit Tätern, aber diese Arbeit ist genauso Opferprävention: Sie trägt dazu bei, dass es in Zukunft keine neuen Opfer mehr gibt.

Was heißt das konkret?
Straftäter kennen oft kritische Situationen, in denen bestimmte „Knöpfe“ bei ihnen gedrückt werden und sie Gefahr laufen, neue Straftaten zu begehen. Wir wollen dazu beitragen, dass sie zum einen innerlich gefestigt werden. Und dass sie zum anderen solche Situationen erkennen und lernen, welche Ventile sie bei sich öffnen müssen, um nicht wieder zuzuschlagen oder andere Straftaten zu begehen.

Was kann dazu beitragen?
Zum Beispiel die Freizeitgestaltung. Es ist ideal, wenn ein Haftentlassener seine Hobbies vielleicht in der Feuerwehr oder im Chor einbringen kann, wenn er anerkannt wird für das, was er kann. Dann ist es nicht mehr so wichtig, ob jemand im Gefängnis war. Wer gute soziale Kontakte hat, dem fällt es leichter, auch in kritischen Situationen standhaft zu bleiben.

Verlässlich sein

Gab es Highlights in deiner Arbeit?
Ja, wenn die Arbeit spürbar fruchtet. Zum Beispiel als ein Inhaftierter vorzeitig entlassen werden konnte und wieder Kontakt zu seiner Tochter bekam. Da haben alle Seiten toll zusammengearbeitet, und die Chemie stimmte auch.

Gibt es etwas, das du hier gelernt hast?
Vor allem eins: Die Probleme der Klienten sind nicht meine. Ich kann verschiedene Wege aufzeigen aber einen davon dann auswählen und gehen muss mein Gegenüber. Nicht ich. Und wenn jemand nicht die Wahrheit sagt, darf ich das nicht persönlich nehmen. Dann erwidere ich vielleicht: „Ich habe einen anderen Eindruck“, schlage vor, das Ganze noch mal zu überdenken.
Und ich muss absolut verlässlich sein. Nicht mal eben so nebenbei sagen, klar besuche ich Sie bald, wenn ich das nicht wirklich einhalten kann. Das kann zutiefst enttäuschen.

Respekt vor Situationen

Hast du jemals Angst gehabt?
Angst vor Straffälligen habe ich nicht, aber Respekt vor Situationen. Einmal zum Beispiel platzte ich in der JVA mitten in eine heikle Situation zwischen einem Gefangenen und einem Angestellten hinein. Das habe ich damals gar nicht gemerkt. Mittlerweile weiß ich, worauf ich zu achten habe, um eine solche Situation zu erkennen und möglichst zu entschärfen.

Was sind deine Pläne für die nächste Zeit?
Ich habe eine neue Stelle als Sozialarbeiter. Bedanken möchte ich mich aber noch beim Team des Schwarzen Kreuzes, insbesondere bei den Ehrenamtlichen in der Anlaufstelle! Ohne ihre Unterstützung wäre unsere Arbeit gar nicht denkbar.

Das Interview ist auch erschienen im Infobrief PB-aktuell 2023-2 unserer Anlaufstelle für Straffällige „Projekt Brückenbau“

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