5. März 2020

“Lebendkontrolle” bei Gott

Frühmorgens geht meine Zellentür kurz auf: Lebendkontrolle. So heißt der kurze Moment, in dem der Stationsbeamte kontrolliert, ob der Gefangene noch am Leben ist. Bei gefährdeten Gefangenen kann diese Kontrolle alle 15 Minuten erfolgen. Tag und Nacht. Ein kurzes Öffnen der Tür, ein flüchtiger Blick durch ein kleines Sichtfenster in der Tür oder der Blick auf den Kontrollmonitor der Videoüberwachung. Eine kurze Vergewisserung nach einem Lebenszeichen. Die Tür öffnet sich für Sekunden. Einen Spalt nur. Keine Zeit für Begegnung. Keine Zeit für viele Worte. Es muss schnell gehen. Hauptsache: Du bist am Leben. Das genügt. Das ist gut.

Kurzer Blick auf Gott

In meiner Beziehung zu Gott braucht es auch diese “Lebendkontrolle”. Nicht viele Worte, keine theologischen Abhandlungen oder ausschweifende Erklärungen. Es braucht die Lebendkontrolle. Der kurze Blick auf meine Beziehung zu Gott. Ist sie noch lebendig? Die Tür zu Gottes Liebe einen Spalt weit öffnen und sich vergewissern. Ein Blick auf das Kind in der Krippe, auf den Leidensmann am Kreuz. Ja, Gott ist noch am Leben. In meinem Leben. Und diese Lebendkontrolle ist wichtig – einmal am Tag oder vielleicht auch alle 15 Minuten.

Ungenannter Gefangener der JVA Butzbach

Aus: Denen, die im Elend leben – seine Liebe. Hrsg.: Georg-D. Menke, JVA Butzbach

“Warum helfen Sie im Schwarzen Kreuz ausgerechnet Kriminellen?”

Foto: Andreas Tittmann

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