12. April 2019

Gefangenenzeitungen: die etwas andere Presse

Zielgruppe dieser Zeitungen sind Inhaftierte und das merkt man dem Stil oft auch an. Dabei ist oft bewundernswert, was Menschen hinter Gittern, meist ohne journalistische Kenntnisse und ohne Internet, mit ihren Mitteln auf die Beine stellen.

Da ist zum Beispiel die Haftanstalt Berlin-Tegel, gesehen durch die Augen der Inhaftierten – seit 50 Jahren berichtet die Gefangenenzeitung „Lichtblick“ über das, was die Gefangenen in ihrer Anstalt beschäftigt: Drogensucht, zu hohe Telefonkosten, Schulden… Der „Lichtblick“ ist die älteste Gefangenenzeitung Deutschlands und dabei unzensiert (die nach unseren Angaben einzige weitere unzensierte Gefangenenzeitung ist das “Ulmer Echo”).

Sprachrohr der Inhaftierten will der „Lichtblick“ sein. Das ist die Zielgruppe. Dementsprechend rau und provokativ gibt er sich, greift zu Ironie und Galgenhumor. Aber nach Meinung vieler Gefangener könnte die Kritik an den Verhältnissen noch schärfer ausfallen. „Wir kriegen immer mächtig Zunder von den Inhaftierten, die sagen, wir müssten da noch mehr draufhauen“, so ein Redaktionsmitglied. Aber es gibt Spielregeln: Beleidigungen sind nicht erlaubt, Namen von JVA-Mitarbeitenden dürfen nicht genannt werden.

Der „Lichtblick“ als Gefangenenzeitung unterscheidet sich in vielem von herkömmlichen Medien. Die Redaktionsmitglieder sind zum Beispiel keine gelernten Journalisten und müssen ohne Internet auskommen. Und eins mag überraschen: Bei der Mitarbeit werden Lebenslängliche bevorzugt. Warum das so ist?

Laut Wikipedia gibt es zurzeit etwa 60 Redaktionen von Gefangenenzeitungen in deutschen Justizvollzugsanstalten. Sowohl von der Machart als auch von den Themen her unterscheiden sie sich stark voneinander. Sie alle suchen ihren eigenen Weg zwischen (eingeschränkter) Meinungsfreiheit, Bemühungen um Resozialisierung und Sicherheitsinteressen der Gefängnisverwaltung.

Ergänzung: Der “Lichtblick” hat inzwischen selbst eine Übersicht deutscher Gefangenenzeitungen erstellt und darüber in der Ausgabe 2019-1_berichtet.

Gefangenenzeitungen, die Sie online abrufen können:

Weiterer Artikel zum “Lichtblick” in brandeins

Quelle der Informationen zum “Lichtblick”: NDR (Hinter Gittern: Sträflinge machen Zeitung)

“Warum helfen Sie im Schwarzen Kreuz ausgerechnet Kriminellen?”

Fotos: Schwarzes Kreuz

Kommentare: “Gefangenenzeitungen: die etwas andere Presse”

  1. Niko sagt:

    Hallo , super berichte…!
    Ich bin stolz auf euch.

Kommentare sind geschlossen.

Jedes Ereignis, alles auf der Welt hat seine Zeit: Geboren werden und Sterben, Weinen und Lachen, Umarmen und Loslassen, Suchen und Finden, Reden und Schweigen, Tanzen und Klagen.