4. April 2023

Dabeistehen – ein Gefängnisseelsorger erzählt

Ein Gefängnisseelsorger erzählt:

Als Jesus am Kreuz hängt, stehen viele Leute dabei und sehen zu. So beschreibt es die Bibel. Einer dieser Leute bin ich. Auch ich stehe dabei, sehe zu, wie ein Unrecht geschieht. Ich sehe, wie Unschuldige leiden, ich sehe, wie das Recht gebrochen wird, ich sehe zu. Ich stehe dabei.

Ich erfahre Vieles, was nicht in Ordnung ist …

Als Seelsorger erfahre ich Vieles, was nicht in Ordnung ist. Im Gefängnis. Es sind bekannte Dinge, zum Beispiel Vollzugspläne, die ständig verspätet und voller negativer Sätze geschrieben werden. Das sind aber auch Dinge, die mir anvertraut werden – von Unterdrückung, von versteckter und offener Gewalt gegen Einzelne, von Willkür, von Missachtung der Menschenrechte.

… und ich stehe dabei.

Ich erfahre Vieles und ich stehe dabei. Was mir anvertraut wird, darf ich nicht weitersagen. Ich unterliege der Schweigepflicht. Ich sehe das Leiden, sehe die Tränen, höre das Weinen und kann nicht aktiv eingreifen in das Geschehen. Meine Rolle in dem Passionsspiel Gefängnis ist es, dabeizustehen. Und ich komme nicht aus der Nummer raus.

Vielleicht (aber das kann ich mir nicht selber sagen, das kann mir nur der am Kreuz sagen),

vielleicht ist mein Dabeistehen

auch ein Beistehen.

Pastor Friedrich Kleine, Gefängnisseelsorger in Hamburg-Fuhlsbüttel
(Aus: Aufschluss, 96. Mitteilungsblatt der Ev. Konferenz für Gefängnisseelsorge in Deutschland, März 2023)

“Warum helfen Sie im Schwarzen Kreuz ausgerechnet Kriminellen?”

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