8. Januar 2013

Suche nach „etwas Höherem“

 

Warum besucht ein Inhaftierter eine Gruppe des Schwarzen Kreuzes? Ein Erfahrungsbericht:

„… Wer sich hier in Haft zurückzieht, kann nichts oder nicht viel erreichen. So läuft es auch mit den Angeboten vom Schwarzen Kreuz (gemeint sind die Angebote des Arbeitskreises Osnabrück in der JVA Lingen, Abteilung Schinkelstraße). Alle Inhaftierten wissen, dass sie Unterstützung bekommen können, müssen aber wie gesagt die Initiative ergreifen und Hilfe auch annehmen wollen.

In der Gruppe vom Schwarzen Kreuz werden viele Probleme ausdiskutiert. … Es ist einfach so, dass der Inhaftierte hier in Haft zu viel Freizeit hat, und bei so viel Freizeit hat man natürlich auch die Möglichkeit, über viele Dinge nachzudenken. Selbstverständlich gibt es feste Tagesabläufe und wir müssen auch zur Arbeit gehen, aber man befindet sich trotzdem immer in einer Zwangssituation und schaltet manchmal komplett ab und ist geistig frei. Jeder ist versucht, aus dem Alltag zu flüchten.

 

Kontakt zu Menschen in Freiheit

Natürlich kann man in seiner Freizeit Fernsehen schauen oder auch in der Stille über etwas nachdenken. Die Häftlinge, die die Gruppe des Schwarzen Kreuzes besuchen, suchen meiner Meinung nach eine Normalität außerhalb des Vollzuges. Ich denke, dass man so den Kontakt zu den Menschen in Freiheit sucht. Man möchte auch nicht ständig nur über den Vollzug, sondern auch einmal über andere Dinge reden. Viele sind auch verschlossen und sprechen innerhalb der Haftanstalt nicht über Situation oder über die Familie und suchen aus diesem Grund zum Beispiel die Gruppe vom Schwarzen Kreuz auf.

 

Suche nach Auswegen

Ich glaube, dass viele, die die Veranstaltungen aufsuchen, sich mit der Frage der Schuld beschäftigen und sich damit auseinandersetzen wollen. Niemand wird gezwungen, an den Veranstaltungen teilzunehmen, der Besuch der Gruppe ist absolut freiwillig. Auch die Themen, die in der Gruppe besprochen werden, sind unterschiedlich. Es wird auch nicht bei jedem Treffen über den Glauben gesprochen, sondern auch über Sachen aus dem allgemeinen Leben.

Ich denke, dass viele Männer, die hier einsitzen, nach etwas Unbekanntem oder Höherem suchen, weil sie gerade in diesen enormen Schwierigkeiten stecken. Jeder sucht einfach in sämtlichen Richtungen nach Auswegen. Durch die Gruppenangebote des Schwarzen Kreuzes kommen viele Häftlinge miteinander in Kontakt, der sonst im Haftalltag nicht zustande käme. …“

Ein Inhaftierter aus dem offenen Vollzug der JVA Lingen, Abteilung Schinkelstraße
Aus: Abseits!?, Ausgabe 4/2012

Bild: Das „Schwarze Kreuz“ gezeichnet von einem Inhaftierten (aus einem Brief)

Presie Gott, den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.