6. Juni 2014

Ein Schutzengel aus dem Gefängnis

„(…) Es ist jetzt etwa ein halbes Jahr her, dass ich den ersten Brief aus dem Gefängnis von Sabine* bekam. Was schreibt man einem wildfremden Menschen im ersten Brief? Wie viel Vertrauen schenkt man einem fremden Menschen, den man nie gesehen hat, dem man nie gegenüber stand? Was für eine Freundschaft kann sich daraus entwickeln? Anfangs gab es Fragen über Fragen, zu denen wohl nur die Zeit die entsprechenden Antworten bringt. (…)

 

Gemeinsam Bücher lesen

Wir verstanden uns von Anfang an gut, fanden gemeinsame Gesprächsthemen und so entwickelte sich schnell eine Freundschaft. Heute lesen wir gemeinsam ein Buch, das sie in der Gefängnisbücherei ausgesucht hat. Wir lesen im 50-Seiten Rhythmus und tauschen dann unsere Gedanken dazu aus.  Wir schreiben uns gegenseitig, was uns gefallen hat, was nicht und was wir über das Gelesene denken.

Wir teilen uns den Wochenkalender vom Schwarzen Kreuz. Woche für Woche lege ich meinem Brief das Kalenderblatt der kommenden Woche bei.

Einmal im Monat dürfen wir für 15 Minuten telefonieren. Seit dem ersten Telefonat kennt nun jede von uns auch eine Stimme zu den geschriebenen Briefen.

 

„Sie vertraut mir“

Sabine bastelt und handarbeitet gerne und da es für sie schwierig ist, an Handarbeitsmaterial zu kommen, habe ich alles Notwendige für sie besorgt. Nachdem wir uns wochenlang über Stickgarne, Sticknadeln und Stickmuster austauschten und Internetausdrucke hin und her schickten, brachte ich Anfang April nun ein Handarbeitspaket zur Post.

Demnächst wird ein Kleiderpaket folgen – wir sind schon fleißig am Aussuchen. Das Vertrauen, das meine Brieffreundin mir entgegen bringt, indem sie mir ihr Geld anvertraut, um für sie einzukaufen hat mich sehr gerührt.

 

Seltsame Gefühle

Sabine nimmt an meinem Leben teil und ich an ihrem. Wir schreiben über schöne, traurige, lustige und schwierige Dinge, Erlebnisse und Ereignisse und denken oft aneinander. Während es mir nichts ausmacht, dass Beamte unsere Briefe lesen, ist es für mich beim Telefonieren jedoch immer noch ein seltsames Gefühl zu wissen, dass jemand im Raum ist und mit hört.

Manchmal bekomme ich noch ein schlechtes Gewissen, wenn ich nicht dazu komme, einen Brief sofort zu beantworten, doch sie versteht, dass zwischen Beruf, Hobby und Haushalt nicht immer sofort Zeit und Ruhe zum Schreiben ist und nimmt es mir nicht übel.

Kurz nach den Osterfeiertagen hatte ich einen großen Umschlag im Briefkasten. Sabine hatte versprochen, mir von den Handarbeitssachen eine Karte zu sticken. Ich öffnete den Umschlag und zum Vorschein kam ein Schutzengelchen, das eine Kerze in Händen hielt. Das Engelchen ist richtig schön geworden und ich freue mich sehr über dieses Geschenk.

 

15 Jahre Haft…

Liebe Frau Meifert, ich wollte einfach einmal berichten, wie es uns ergangen ist. Man weiß ja zu Beginn einer Brieffreundschaft nie, wie man sich letztendlich versteht, ob man auf einer Wellenlinie liegt usw. Ich muss auch zugeben, dass ich kurz schlucken musste, als ich gelesen habe, dass meine neue Brieffreundin eine 15-jährige Haftstrafe verbüßen muss. Umso glücklicher bin ich heute aber, dass wir uns so gut verstehen, und ich freue mich über jeden Brief von Sabine.

Mit herzlichen Grüßen  Eva L.“

(Aus einem Brief an die Geschäftsstelle)

 *Name geändert

Foto: Helene Souza/ www.pixelio.de

Den Hochmütigen stellt sich Gott entgegen. Aber wer gering von sich denkt, den lässt er seine Gnade erfahren.