8. Februar 2017

„Auch die Gesellschaft muss resozialisiert werden“

„Auch die Gesellschaft muss resozialisiert werden!“ Und Sühne sei nicht nur einseitig Aufgabe des Straftäters, sagte Pastor Jan Postel, evangelischer Gefängnisseelsorger in der JVA Celle, am Dienstag. Er sprach bei unserem Jahresempfang in der Geschäftsstelle in Celle. Die Gesellschaft müsse bereit sein, einen ehemaligen Straftäter nach der Gefängnisstrafe wieder in ihrer Mitte aufzunehmen. „Wenn sie ihn auf Dauer ausgrenzt, handelt es sich nicht um Sühne, sondern um Rache.“

Gefängniswände nicht als undurchdringliche Mauern sehen, sondern „drinnen“ und „draußen“ verbinden: Dazu wollten wir Mut machen mit unserem Thema „Klopf doch mal an!“ Etwa 60 Gäste nahmen diese Einladung an und feierten mit uns in der Celler Geschäftsstelle. So hatten wir es uns erhofft: Ehrenamtliche, noch Inhaftierte und Haftentlassene mischten sich Schulter an Schulter mit Gästen aus Politik, Kirche und Justiz und anderen Interessierten. Beim Buffet war Gelegenheit, die Thesen von Jan Postel (siehe unten) ausführlich zu diskutieren.

Zum ganz wörtlichen Anklopfen lud dabei eine Tür ein, die Inhaftierte der JVA Celle für eine Reformationskampagne der Diakonie bemalt hatten. Mona Gremmel, Fachleiterin unserer Anlaufstelle, stellte das Projekt vor, von dem wir demnächst noch ausführlicher erzählen werden.

Bericht in Celle heute
Bericht in Celler Presse
Bericht in Cellesche Zeitung (pdf)

 

Referat von Jan Postel

Kurze Zusammenfassung einiger wesentlicher Aussagen
Drei Funktionen soll eine Gefängnisstrafe erfüllen: Zum einen soll der Gefangene damit sühnen. Zum anderen soll sie der Gesellschaft Sicherheit bieten und schließlich der Resozialisierung dienen. Aber werden diese Ziele auch erreicht?

Sühne – Sicherheit – Resozialisierung

Sühne ist nicht nur Sache des Straftäters, sondern auch der Gesellschaft. Ziel einer Sühne ist, dass ein Straftäter wieder von der Gesellschaft aufgenommen wird. Dazu muss sie aber auch bereit sein. „Wenn sie ihn auf Dauer ausgrenzt, handelt es sich nicht um Sühne, sondern um Rache.“

Sicherheit: Wenn ein Straftäter keine Hoffnung mehr hat, in die Gesellschaft zurück zu können, ist das gefährlich. Er hat dann nichts mehr zu verlieren. „Wer Sicherheit schaffen will, muss dem Straffälligen also Hoffnung geben, nicht nehmen.“

Jemanden unter Gefängnisbedingungen resozialisieren – dieses Ziel gilt weitgehend als gescheitert. Aber eine Alternative gibt es letztlich nicht. Und Menschen sollten in einer JVA wenigstens nicht weiter desozialisiert werden. „Auch wenn wir vielleicht nur 10-20% der Menschen im Gefängnis verändern können, müssen wir das tun! Schon um der Menschenwürde willen.“

Medien schaffen Unsicherheit

Medien dagegen schaffen und verstärken oft Unsicherheitsgefühle. „Wenn da jemand die Flucht von vier Drogenabhängigen aufbauscht, als stünde der dritte Weltkrieg bevor, dann übertragen sich die Ängste auf andere Gefangene.“ Vor allem die Familien sind mitstigmatisiert. „Kinder werden in der Schule ausgegrenzt, Familien müssen immer wieder umziehen.“

„Wir sind privilegiert“

Resozialisiert werden muss daher nicht nur ein Straftäter, sondern auch die Gesellschaft. „Wir müssen das Risiko mittragen. Was würde schließlich eine Resozialisierung innerhalb des Gefängnisses nützen, wenn hinterher niemand bereit ist, einem ehemaligen Straftäter eine Arbeit zu geben oder eine Wohnung!“

Gefangene haben in der Regel schwierige Lebenswege hinter sich. „Es ist nicht unser Verdienst, wenn wir in der Regel andere Biographien haben. Unser Privileg darf uns nicht dazu verleiten, andere auszugrenzen!“

(Zusammenfassung von Ute Passarge, Schwarzes Kreuz)

 

3 Gedanken zu „„Auch die Gesellschaft muss resozialisiert werden““

  1. Helga Kaminski-Zorn sagt:

    Ihr obiger Artikel „KLOPF DOCH MAL AN!“ hat mich sehr interessiert – danke! Denn ich habe einen Sohn, welcher leider 3 x bisher in seinem Leben inhaftiert war, 2 x als Jugendlicher, 1 x als Erwachsener.
    Ich gehe teilweise hinsichtlich Ihres letzten Absatzes Ihrer Zusammenfassung allerdings nicht mit Ihnen einig – sehr geehrte Frau Passarge. Denn ich meine schon, dass es u n s e r Verdienst ist, wenn wir eine andere Biographie haben. Nur sollten wir uns auf diesem Verdienst niemals ausruhen, sondern immer wieder und immer aufs Neue für denjenigen da sein, der schwierige Lebenswege hinter sich hat – ein Leben lang!!! Ich habe das jedenfalls so gehalten und bin nun schon weit über 70 J. alt. Denn unser Privileg – und da bin ich wieder ganz mit Ihnen einig – darf uns n i e dazu verleiten, andere auszugrenzen!
    In diesem Sinne „KLOPF DOCH MAL AN!“……. mfG H.K.

  2. Ute Passarge sagt:

    Die Gedanken sind nicht von mir, sondern von Jan Postel; ich habe sie beim Zuhören notiert.

    Wobei ich denke, dass wir zwar weitgehend dafür verantwortlich sind, was wir aus dem machen, was wir mitbekommen haben. Aber vieles in der Biographie ist nun mal gegeben (Veranlagungen, Kindheit etc.) und beeinflusst, wie wir mit dem Leben zurecht kommen. Was mir vielleicht leicht fällt, kann für jemand anders unendlich viel schwerer sein, aus welchen Gründen auch immer. Von außen kann ich das nicht immer wahrnehmen oder gar beurteilen.

  3. Stefanie sagt:

    Ich denke, Gut und Böse gibt es überall. Haben wir nicht alle Eigenschaften an uns, von denen wir wissen, es sind nicht die besten?
    Durch eine Verkettung von Umständen können die Eigenschaften überhand gewinnen und zu unwiderruflichen Taten führen. Das ist sehr bedauerlich und geht m. E. jeden etwas an!

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